I´ll wait as long as you want!

von Verena Dornhofer


Der perfekte Kuss
Viel Interessantes, viel Wahres, viel Gutes ist schon über perfekte Liebhaber geschrieben worden. Über Leidenschaft. Über Lust. Über Sex. Auch mit sich selbst. Der Gedanke daran lässt mich nicht los. Am meisten aber interessiert mich zurzeit der Kuss. Für ihn gibt es kein Solo. Der Kuss ist immer ein Duett.

Der eine oder andere mag jetzt einwenden, dass es auch ein Trio, ein Quartett oder Quintett geben kann. Ich behaupte das Gegenteil. Der Kuss in seinem Moment, in seinem eigenen Element ist immer Duett. Dabei gibt es viele interessante Küsse: den Bruderkuss, den Abschiedskuss, den Handkuss, den Judaskuss, ... Und normalerweise würde schier diese unglaubliche Inflation dazu beitragen, dass der Kuss seinen Wert verliert. Nichts davon: Der Kuss Liebender ist vielleicht das Wertvollste, was sie sich schenken können, vielleicht noch kostbarer als ihr Sex. Ein Argument für diese These: Selbst Huren verwehren ihren Freiern den Kuss, ihr Kuss ist ausschließlich der Liebe vorbehalten. Wobei mich interessieren würde, ob der Kuss zwischen Frauen anders ist als der zwischen Frauen und Männern? Aber das ist ein ganz anderes Thema. -
Was also ist ein perfekter Kuss?

Die Antwort darauf ist, das es keine Antwort geben kann. Der perfekte Kuss ist einmalig. Jedes mal anders. Immer neu. Manchmal ist es nur ein flüchtiger Moment. Ein leises Berühren von Lippen. Eine Andeutung. Ein Luftzug. Öfter ist es Schmatzen und Knabbern, Saugen und Schlürfen, Pressen und Schlingen. Zungen, die miteinander spielen. Gleichstarke Gegner, die sich jagen und fangen, die ihren Gefühlen folgen, ihre Leidenschaft kosten und ihre Lust befriedigen.

Ich weiß, das klingt kryptisch. Und doch kann ich keine allgemeingültige Definition geben. So ist das nun mal mit dem Küssen, bei dem Phantasie und Kreativität, Zärtlichkeit und Härte, Sturm und Drang so vielseitig abwechseln. Er ist wie eine Formel mit 20 Variablen. Und das macht zugleich seinen Reiz. Ein Kuss ist mal aktiv, mal passiv. Man spielt mit dem anderen, dirigiert ihn, dominiert ihn. Die Hände spielen dabei keine unwesentliche Rolle. Küssen ist nicht nur Mund-zu-Mund-Akrobatik. Die Hände können dabei sogar die Hauptrolle übernehmen: Sie greifen ins Haar, zerren daran, zwingen den anderen sich auszuliefern. Legen seinen Hals frei, spannen Haut und Empfindung, steigern Leidenschaft. Sie können den Körper dabei verführen, hinab wandern, streicheln, stimulieren. Das Gebiet der Empfindung vergrößern oder verlagern, Akzente setzen. Sie können ablenken und hinführen, verführen im Wortsinne. Vorbereiten und nachbessern. Die Hände können ebenso gut auch festhalten, Halt geben, beschützen, damit der andere sich fallen lassen kann.

Ganz anders der passive Kuss. Er ist Hingabe. Genuss. Das Denken setzt langsam aus. Wird überstrahlt von der eigenen Wollust. Man entspannt und enthemmt. Gemeinsam. Den anderen machen und sich selbst treiben lassen. Loslassen. Vertrauen. Ausliefern. Man spürt die Küsse auf seiner Haut. Feuchtigkeit und Wärme. Das Kitzeln der Zunge. Man hört ihr Schmatzen, spürt das Saugen. Vielleicht wird es begleitet von süßen Worten, die zart ins Ohr gehaucht werden. Zärtliche Worte, leidenschaftliche Worte, manchmal auch freche Worte, Befehle, Verheißungen, die Vorfreude wecken. Oder simple Bekenntnisse: „Du riechst so gut, ich kann Deine Erregung riechen, kann sie spüren. Baby, Du machst mich ganz wild...!“ Darin kann man sich ausruhen, zu sich selbst finden. Neue Kraft tanken und dann zur Gegenattacke ausholen. Beide ringen miteinander. Um die Vorherrschaft genauso wie um den Genuss.

Ein perfekter Kuss hat immer auch seine eigene Akustik. Er ist hörbar. Nicht nur durch seine primären Laute, sondern auch durch die Reaktionen, die er auslöst. Die Laute sind eine Art Ventil für den überkochenden Druck. Das kann leises Wimmern sein, Seufzen. Aber auch anschwellendes Atmen, Keuchen, Hecheln. Infolgedessen muss der Kuss nicht gänzlich feucht sein. Ein trockener, gespannter Mund kann auch Anzeichen für einen vorausgegangenen Sturm sein. Das Schöne an diesen Lauten: Sie stimulieren noch mehr. Selbst das eigene Stöhnen nehmen wir wahr, registrieren unterbewusst (oder bewusst) unsere Erregung. Und lassen uns von ihr mitreißen.

Auch gelegentliches Beißen erhöht diesen Reiz. Weil es meist Lustlaute erzeugt. Weil Schmerz die Sinnlichkeit steigert. Weil er Assoziationen weckt – von wilder, ungezügelter Leidenschaft. Der Schmerz ist aber auch Teil der Gewissheit, dass jeder Kuss endlich ist. Wie oft wünschen sich Liebende, dass der innige Moment der Verschmelzung niemals enden würde, obgleich sie wissen, dass es genau so kommt. Kommen muss. Denn gäbe es kein Ende, gäbe es keinen neuen Kuss. Ein Anlauf gegen den Ablauf, ein Aufbäumen gegen das Ausbleiben. Der Schmerz – er gehört zum Kuss wie die Freude, die er gleichsam spendet.

Diese Freude schwillt bei mir meist an. Ich habe noch keinen Kuss erlebt, bei dem ich auf höchstem Level eingestiegen wäre. Meine Küsse folgen eher dem Verlauf eines klassischen Dramas. Erster Akt: Das Szenario wird umrissen, die Bühne beleuchtet, die Charaktere und Mitspieler eingeführt, Sympathien verteilt. Die Akteure spielen sich warm. Zweiter Akt: Die Verwicklungen. Das Spiel wird komplizierter, alles ist miteinander verwoben, man verliert leicht den Überblick und muss sich deshalb voll konzentrieren. Dramatik und Leidenschaft setzen ein. Er wird gekämpft. Heftig. Wild entschlossen. Es gibt kein Entrinnen, dafür ständig neue Überraschungen. Man kann sich der Geschichte nicht mehr entziehen, ist gefesselt, gebannt. Dritter Akt: Eine kurze Verschnaufpause, dann folgt der Höhepunkt. Die letzte Schlacht. Alle Kräfte werden mobilisiert, man dringt in die Tiefen des Ensembles vor. Alles mündet jetzt in ein Ziel. Das große Finale. Und der Held – er stirbt natürlich am Schluss. Aber nur zum Schein. Es ist ja nur ein Spiel mit beiderseitigem Applaus. Und einer neuen Vorstellung. Schon bald.

Scheiße!!

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Titel 3
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